Rammsteinhasser, aufgepaßt!

Autor: hella

Die Rammstein-Coverband Feuerengel am 11.12.2010 im Aladin (Foto: hella)

Die Rammstein-Coverband Feuerengel am 11.12.2010 im Aladin (Foto: hella)

Alle Jahre wieder in der Vorweihnachtszeit gastierten Feuerengel, Deutschlands älteste und beste Rammstein-Coverband, am zweiten Dezemberwochenende in Hemelingen. Auch diesmal war die Hütte wieder heiß und voll, und das Publikum jubelte und sang all die bösen deutschen Lieder, die so viele Ignoranten aus der geistigen Mittelschicht am liebsten auf den Index setzen würden. Zur selben Zeit rockte  mindestens eine der vielen anderen Rammstein-Coverbands eine Halle in Deutschland Süden, und wenige Stunden später spielten die Meister selbst im New Yorker Madison Square Garden. Nicht nur die 20.000 Fans aus den USA und diversen Nachbarländern waren begeistert. Jon Pareles von der New York Times schrieb, wie so viele seiner ausländischen Kollegen anläßlich der laufenden Rammstein-Tour, das genaue Gegenteil dessen, was die allermeisten deutschen Journalisten seit bald 15 Jahren über Rammstein verbreiten, weil sie es offenbar – ganz anders als ihre Kollegen in der großen weiten Welt – während ihrer Schulzeit und ihres Studiums nicht gelernt haben, Texte & Zeichen richtig zu deuten, geschweige denn Musik zu analysieren. Jon Pareles hingegen kann es. Deshalb auch hat er es nicht nötig, Rammstein und ihre Kunst als pubertären Schwachsinn ab- und sich selbst damit wichtigzutun, die in der DDR aufgewachsenen Musiker in oberlehrerhaftem Ton für ihre angeblich faschistische Ästhetik zurechtzuweisen. Stattdessen schreibt er mit klarem Verstand (Hervorhebungen von mir):

But Rammstein doesn’t present itself as a band of simple, cartoonish bad guys. There’s a troubled self-consciousness in songs like “Waidmanns Heil” (“Happy Hunting”), which opens with hunting-horn calls and confesses to a creepy bloodlust, and in “Benzin” (“Gasoline”), a stomper about fossil-fuel addiction. Amid the visual and musical blasts, Rammstein doesn’t exult in human depravity; it worries.

Zusammengefaßt: Rammstein präsentieren sich nicht einfältig als böhse Buben und feiern nicht das Abgründige und Verworfene in uns Menschen, sondern beklagen es auf ihre Weise. In den Augen von Pareles und Millionen anderen Menschen aus aller Welt repräsentieren Rammstein also gerade nicht die verhaßten Nazideutschen und auch nicht das im Ausland so unbeliebte brave deutsche Strebertum. Vielmehr zeigt sich in ihren Songs und ihrer Bühnenshow die an uns Deutschen so oft vermißte Fähigkeit zu trauern. Und dies ist der tiefere Grund für den großen Erfolg dieser Band bei allen, die Metal & Artverwandtes mögen und keine Scheuklappen tragen. Rammstein (aber auch ihre Coverbands) zu hören und zu sehen ist mehr als ein großes Rock-Erlebnis. Es ist ein reinigendes Bad im Fegefeuer. Wer das nicht glaubt, der setze sich ihm probeweise aus, wenn Feuerengel wieder einmal hier oder in der Nähe spielen. Man muß schon sehr beschränkt sein, um nicht zu merken, daß und warum es etwas Besonderes ist, wenn Tausende oder sogar Zehntausende erwachsener Menschen vor einer Bühne stehen und ganz unbewußt singend offenbaren, was sie unter gewöhnlichen Umständen niemals zugeben würden: Wir haben Angst und sind allein.

Wer also fürchtet sich vor Rammstein? Mal wieder nur diejenigen, die ihre rockmusikalische Bildung aus unseren sog. Qualitätsmedien beziehen, allen voran der Spiegel, worin 2004 der wohl dümmste Artikel erschienen ist, der je über Rammstein geschrieben wurde. Im Online-Archiv des Magazins ist er allerdings nicht zu finden, und das wird wohl kein Zufall sein. Eine geharnischte Reaktion auf jene Sammlung aller Klischees, aus der sich speziell die deutschen Rammsteinhasser noch heute bedienen, findet sich aber noch hier.

Für alle ernsthaft an Musik und deren gesellschaftlichen Entstehúngsbedingungen Interessierten habe ich zuguterletzt noch 1 Tip: nämlich das 660 Seiten starke und wunderbar zu lesende Buch Mix mir einen Drink. Feeling B. Punk im Osten von Ronald Galenza & Heinz Havemeister. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nicht nur Rammstein und die DDR, sondern auch die Punkszene der BRD und den westdeutschen Kulturimperialismus Kulturjournalismus mit anderen Augen betrachten. Und wer Verschwende deine Jugend von Jürgen Teipel noch nicht kennt, sollte sich auch dieses Buch gönnen. Und da ich nun von Büchern rede, will ich auch mal eben erwähnen, daß Till Lindemann, der Sänger und Texter von Rammstein, Sohn des einst in der DDR beliebten Kinderbuchautors Werner Lindemann und der Kulturjournalistin Gitta Lindemann ist. Werner hat 1988 ein schönes und gewiß beschönigendes, aber lesenswertes Buch über sich und seinen damals noch unbekannten Sohn veröffentlicht, und seine geschiedene Frau war nach dem Fall der Mauer Kulturchefin des NDR 1 in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Liebeserklärung an ihren Sohn findet sich hier.

Und ich? Werde mich heute abend im Kreise einiger bekannter Bremer Autorinnen und Autoren wiederfinden und mich zusammen mit ihnen über den großen Erfolg der Lesung freuen, die wir am 10. Dezember zu Ehren von Klaus und Angelika Plückebaum in ihrer bis in den hintersten Winkel hinein besetzten Buch- und Kunsthandlung, also bei Leuwer am Wall 171, veranstaltet haben. Wer noch nie in seinem Leben eine richtige (nämlich: traditionelle) Buchhandlung betreten hat, der sollte es nicht versäumen, dort das eine oder andere Buchgeschenk zu kaufen, solange dieser Laden noch nicht von den Miethaien verschlungen wurde – und damit eines der besten Stücke bremischer Tradition. Die Buchhandlung Leuwer nämlich existiert bereits seit 1903, bot auch Rainer Maria Rilke ein Forum und ist einer der kultigsten Bücherorte unserer Stadt. Jedes Kind sollte diesen Laden kennen und dort auf Reise, Reise gehen:

Die Buch- und Kunsthandlung Leuwer am 10.12.2010 (Foto: hella)

Die Buch- und Kunsthandlung Leuwer am 10.12.2010 (Foto: hella)

Ach! in diesem Beitrag ging es ja eigentlich um Rammstein. Aber diese Band und das, was sich nach Ladenschluß immer wieder bei Leuwer tut, passen durchaus zusammen. Zwei meiner gebildetsten Bremer Schriftstellerkollegen, beide 70 Jahre alt, sind große Verehrer dieser Band, die heute das ist, was Wilhelm Busch früher einmal war. Aber wer kennt schon noch Wilhelm Busch? Ganz gewiß nicht die behüteten Kinder all der Eltern, die der geistigen Mittelschicht entstammen und am liebsten alles zensieren und verbieten lassen würden, was das Leben lebenswert macht.

Sympathie für den Teufel? (Foro: hella)

Sympathie für den Teufel! (Foto: hella)

[Nachtrag] Eine Stunde nach Veröffentlichung dieses Artikels geschah, was geschehen mußte: die deutschen Qualitätsmedien beginnen so zu tun, als hätten sie nie Probleme mit den Jungs aus der DDR gehabt; seit seit ihrem Auftritt im Madison Square Garden wäre es ja gar zu peinlich und auch nicht wirtschaftlich gedacht, diese Band noch länger mit braunem Dreck zu bewerfen. Also titelt  Welt online: Rammstein ist das Hochamt für deutsche Sprache, und der Tagesspiegel läßt seinen Schreiber phantasieren: „Den meisten amerikanischen Fans entgehen die Spitzfindigkeiten der Rammstein-Texte“ (die doch vor allem unseren Journalisten 16 Jahre lang entgangen sind) und: „Was die Deutschen in New York über Hochkultur nicht schaffen, gelingt Rammstein im Handumdrehen – sie begeistern die Massen für Deutschland.“

Das könnte euch so passen.

Du magst den Artikel? Teile ihn:

Kommentar hinterlassen