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Wie wird man zum Gentrifizierungs-Opfer?

Autor: Gastautor

Ein Gastbeitrag von Thomas R.

Ob Altona in Hamburg oder Prenzlauer Berg in Berlin. Es gibt in allen deutschen Städten Viertel, die zunächst von den oberen Bevölkerungsschichten schmählich verlassen und dann aber wiederentdeckt werden. Dazwischen steht meist die Besiedelung des günstigen Wohnraums durch junge und kreative Menschen mit wenig Geld aber hohen Ansprüchen an ihren selbstgestaltbaren Alltag, an Kultur und Unterhaltung. So sind auch hier Viertel und auch andere Stadtteile Bremens davor nicht gefeit.

Attraktivität zieht ein

Dass die oberen Einkommensgruppen die innenstadtnahen Wohngebiete mit ihren maroden Altbauten, den schlecht instand gehaltenen Straßen und dem Verkehrslärm zunächst verlassen, ist dem Phänomen der Stadtflucht zuzuordnen. Auf der Suche nach Ruhe und Komfort zieht es die einkommensstarke Bevölkerungsschicht in die Vorstädte, in die Stadtrandgebiete mit Blick ins Grüne und frisch geteerten Asphaltstraßen und Neubauten mit Fußbodenheizung und elektrischen Rollläden. Die Wohnungen der inneren Stadtringe verfallen zwar weiter, werden aber mit Begeisterung und viel Liebe von einkommensschwachen Gruppen bezogen. Studenten, noch brotlose Künstler, Alternative und Intellektuelle, die kein Managergehalt und den Kleinwagen zum Pendeln ihr Eigen nennen, freuen sich über den stadtnahen, günstigen Wohnraum und nehmen die Nachteile in Kauf. Die teils heruntergekommenen Wohnungen werden hergerichtet, aus der Not eine Tugend gemacht und auf Zusammenhalt und gute Nachbarschaft gesetzt. Folgerichtig erblühen die Viertel, eben genau so wie das Viertel hier in Bremen, und werden zunehmend attraktiver. Bars und Cafés machen auf, viel Kultur und Konzerte finden statt und Bürgerinitiativen kämpfen für Verkehrsberuhigung und Fahrradwege. Es entsteht ein ausgeglichenes Wohnklima mit genügend Wohnraum, Mietwohnungen finden Sie hier problemlos, da Studenten häufig umziehen oder wegziehen. Nach und nach fängt sich die etablierte Mittel- und Oberschicht aber in der Vorstadt an zu langweilen, die guten Bars, die guten Ausstellungen, die guten Partys, alles findet in der Innenstadt statt. Außerdem sind die nahen Stadtrandgebiete belegt, wer jetzt noch ein Häuschen am Grüngürtel will, muss ganz schön lange Wege in Kauf nehmen. Und einmal zu Besuch im Viertel, fällt einem die Attraktivität dieser Wohngegend wie Schuppen vor den Augen.

Verdrängung und Luxussanierung

Durch die zunehmende Attraktivität überzeugt, ziehen dann auch fertige ausgebildete Studenten nicht weg. Vielleicht kaufen sie sogar günstig ihre Wohnung oder sanieren ein wenig auf eigene Rechnung. Auch die Eigentümer bemerken die erhöhte Nachfrage und nicht nur Ladenlokale gehen auf einmal weg wie warme Semmeln. Da die neuen Mieter neue Preise zahlen, muss man ihnen natürlich auch etwas bieten fürs Geld und so wird saniert und renoviert und aus der baufälligen Bruchbude eine schicke vollsanierte Altbauschmuckwohnung gemacht, inklusive elektrischer Rollläden und Gegensprechanlage. Die alten Bullis vor der Tür werden von glänzenden Retro-Kleinwagen abgelöst und statt Jutebeutel werden Laptops in die Cafés getragen. Unangenehme Folge ist, dass die „Ureinwohner“ sich weder den Kaffee noch die Mieten noch lange leisten werden können. Aber dafür wird es vielleicht auch bald wieder langweilig.

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3 Responses to “Wie wird man zum Gentrifizierungs-Opfer?”

  1. Yeah Yeah sagt:

    In Hamburg und Berlin gibt es schon gute Kampagnen gegen diesen Gentrifizierungsprozess, in Bremen kommen diese so langsam aber sicher in Gang. Im Grunde ist der Prozess eher als kapitalistische Stadtentwicklung zu verstehen, denn dabei wird deutlich wie verrückt dieses Wirtschaftssystem ist, in dem es ausschließlich auf Profitmaximierung ankommt und nicht auf günstigen Wohnraum für alle.
    Im Viertel triebt die Interessengeimeinschaft Viertel den Gentrifizierungsprozess aktiv an. Doch langsam aber sicher gibt es Widerstand dagegen: http://endofroad.blogsport.de/2011/09/02/viertel-news/

  2. Ey Yuppie, mach mal platz da! sagt:

    Es ist folgerichtig das das Viertel wenn weiter diese Verdränungspolitik stattfindet, in wenigen Jahren langweilig wie jetzt Grolland oder das Blockland wird. Ist eine Frage der Zeit denke ich wenn auch hier die Autos brennen, weil das eine Verzweiflungstat derer ist, denen das Viertel gehört! Solche Aktionen dürfen nicht gutgeheisst werden, aber in Berlin und Hamburg sieht man es am besten. Und hier im Bremer Viertel „knallt“ es auch wieder an der Sielwallkreuzung wie seit Jahren nicht mehr… Ist dies für euch eine politische Aussage oder einfach nur purer Zerstörungswahn? Bitte reflektierte Antworten …

  3. Suzie Q. sagt:

    @Thomas R.
    @Ey Yuppie, mach mal platz da!

    Habe den Beitrag/Kommentar erweitert/beantwortet, siehe http://www.viertel-bremen.de/?p=1446

    Die von euch erwähnte Langeweile , die Eurer Meinung nach irgendwann im Viertel wieder eintritt, hilft den derzeitigen (langjährigen) Bewohnern nicht.
    Verstehe nicht, was ihr damit aussagen möchtet.

    Gruß
    Suzie Q.

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