Bye Bye 2018, das Viertel fliesst weiter

Autor: knoxx

Das Viertel hat sich wieder einmal um die eigene Achse gedreht. Der markante Bunker der ehemaligen Landeszentralbank in der Kohlhökerstrasse , nahe dem Kennedy-Platz soll abgerissen werden. Ich erinnere mich an leidenschaftliche Küsse vor und auf den polierten Mamorkugeln, der Kunstinstallation vor der Bank, auf dem Weg zurück vom „Imperial“ oder dem „Palace“ zurück ins Viertel, das bedeutete derzeit . ins „Brazil“ oder „airport“ . Jetzt sollen dort Wohnungen entstehen. Was zunächst erstmal als begrüssenswerte Nachricht durchgeht. Nur möchte der Hamburger Investor natürlich Geld verdienen, braucht nach seiner Kalkulation sage und schreibe vierzehn (14!) Stockwerke um rentabel zu sein. Kein Wunder , dass die Wellen der Empörung hochschlagen bei vielen Viertelbewohnern., denen gerade noch die Hälfte als zumutbar erscheint. Wenn der Kohlhöker-Tower doch mal eines Tages so umgesetzt werden sollte, wünsche ich mir vom Weihnachtsmann ein Penthouse im 14.. Dann kann ich von ganz oben auf unser Viertel schauen und sagen : Es war einmal…Ja Baugrund wird immer kostbarer, dass weiss auch Viertel-Urgestein Norbert Cäsar, der seinen Garagenhof nun bebauen lässt. Zwei Dutzend Wohnungen der gehobenen Preisklasse sollen dort zwischen Blumenstrasse und Steinernem Kreuz entstehen. Die Anwohner, denen zum Teil viel Licht genommen wird, scheinen noch nicht so begeistert zu sein. Aus dem Strassenbild verschwunden, auch ein vertrautes gelbes Neonschild, das Betrieb bis in den hellen Morgen signalisierte. Auszug aus einem Weser-Kurier Artikel von Nina Willborn von 29.5.18 : ….In Menschenjahren gerechnet ist 35 natürlich kein Alter, in dem man abtreten sollte. Insofern ist es ganz gut, dass Kneipenjahre eher wie Hundejahre zählen, da gilt 35 schon als ziemlich respektables Alter, in dem man eben manchmal Abschied nehmen muss. Am Donnerstag, 31. Mai, ist es mit einer Ausgeh-Institution am Ostersteinweg so weit. Bye-bye, Bistro Brazil!

Bei der Abschiedsparty werden sie auch mit Sicherheit auch ein bisschen nostalgisch werden und sich daran zurückerinnern, als das Brazil gastrotechnisch absolut auf der Höhe der Zeit war: in der Mitte der achtziger und dann in den neunziger Jahren. Die wilden Zeiten, als Falco, Ideal und noch einige mehr von künstlerischem Rang, wenn sie in Bremen zu Besuch waren, sich mit Vorliebe an die Theke von Jürgen „Knoxx“ Schierholz setzten.

Es ist nicht endgültig zu beweisen, aber durchaus möglich, dass die Bremer, zumindest die Nachtschwärmer damals, durch seine kleine Bar überhaupt erst von der Existenz einer Zitrusfrucht namens Limette erfuhren. So erzählt es jedenfalls Shunil Hossain, Barkeeper-Legende im Brazil und seit 2013 dessen Besitzer. „Wir waren neben dem Parkhotel der einzige Laden, der überhaupt Cocktails servierte.

Und bevor wir ihn servierten, wusste kein Bremer, was ein Caipirinha ist“, sagt Hossain. Als sie es dann wussten, sind alleine in den mehr als 3000 Nächten, in denen er hinter der Bar Brazil-Dienst geschoben hatte, so einige über den Tresen gegangen. Denn Brazil-Nächte waren meistens ähnlich wie die von den Gebrüdern Blattschuss besungenen Kreuzberger vor allem eins: lang.“ Jetzt existiert dort eine coole Bar mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen „Perlen & Primaten „. Hm, sind da Tussis & Typen gemeint ? Ist das nicht eigentlich sexistisch ? Ich frage mal meinen Hipster-Experten. Das Chin-Chilla hat jetzt angeblich 52 Ginsorten, ich überlege vielleicht auch mal als Schwarzbrenner einzusteigen, schliesslich war ich schon mal in Lynchburg / Tennessee, mehr brauche ich wohl nicht zu sagen. Läden wechseln jetzt häufiger denn je., mit „Anziehungskraft“ und „Beverly Boyer“ fehlen zwei einfallsreiche Boutiquen , die mit den Charme des Viertels geprägt haben, dafür gibts noch mehr nervigen Lieferverkehr von Amazon, Zalando, und Fickfack.. Bestellt ruhig weiter ordentlich online, bis der letzte Einzelhandel weg ist, spätestens dann ist Schluss mit kostenlosen Retouren. Dieser Wahnsinn macht bereits die Hälfte des Lieferverkehrs aus.—Das geilste Event war die David Bowie Party im Goethetheater, anlässlich der Premiere seines posthumen Musicals „Lazarus“. Dee-Jay Legende Jens Mahlstedt übertraf sich einmal mehr selbst , cruiste aber nicht nur durch das Werk Bowies, sondern mischte es mit immer wieder überraschenden tracks aus drei Jahrzehnten . Das blieb mir so von 2018 hängen, aus einem Viertel mit fortschreitender…ich mag`s garnicht mehr in den Mund nehmen….GGGGGGGG, aber schliesslich tritt, uns zum Troste, ja immer noch die Lila Eule der Minerva ihren Flug in der Dämmerung an.

Nachtrag, : Die Hiobsbotschaften reissen nicht ab, jetzt hat der letzte Plattenladen „Ear“ im Steintor dichtgemacht, dort konnte man immer so herrlich im Vinyl stöbern, und die Zeit vergessen. Jetzt muss man als alternder Plattenfreak in die Innenstadt , dort gibts ja noch Hot Shots, die allerletzte Bastion gegen Mordor. Doch nein, die rebellische  Jugend hat noch ein Refugium im Viertel , das zu Hoffnung berechtigt, den „Golden Shop“, dort gibts nicht nur andere Bücher sondern auch andere Musik, noch ist Polen nicht verloren. —

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